Wahlkrampf

Sep 282008

Die Banalitäten, die US- Wahlkämpfe regelmäßig dominieren, beherrschen dieses Jahr auch den Wahlkampf in Österreich.

Seit meiner Ankunft in Wien kann ich mich eines Eindrucks nicht erwehren: Unter demokratischen Ländern gibt es bei Wahlkämpfen mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede. Und gerade die Banalitäten, die US- Wahlkämpfe regelmäßig dominieren, beherrschen dieses Jahr auch den Wahlkampf in Österreich.

Gewiss, Europäer denken vielleicht, ihre politischen Systeme ähneln dem der USA nicht so sehr. Bei den Kampagnen der Parteien kommt mir allerdings einiges bekannt vor, auch wenn manche Ähnlichkeiten nur oberflächlich sind. Ich bekomme dabei das Gefühl, Wahlkampfstrategie ist zu einem kulturellen Exportgut geworden, wie etwa McDonalds. Man nutzt es, auch wenn man es nicht so sehr mag.

Nehmen wir einmal die Debatte über die Steuersenkung als Beispiel. Es mag eine wichtige Debatte sein, aber in den letzten Wochen ist daraus eine Speisekarte mit Wachteleiern und Schnecken geworden.

In den USA haben wir schon seit dem letzten Jahr so eine Koch-Show. Da wir Amerikaner prozessfreudig sind, kommt womöglich noch ein Urheber aus Hollywood und sagte, die österreichischen Parteien hätten ihm das Drehbuch geklaut.

In der amerikanischen Koch-Show ist die wichtigste Zutat Rucola. Es ging schon bei den Vorwahlen los: Der Kandidat der Demokraten Barack Obama hatte sich in Oktober mit Bauern in Iowa getroffen, um mit ihnen den Ertrag von Gemüseernten zu besprechen. Er hat dabei diesen edlen Salat als Beispiel erwähnt. Seither wird er von den Anhängern Hillary Clintons und John McCains – und auch teilweise in Kommentaren von Journalisten - als elitärer Rucola-Esser verspottet. Anständige Amerikaner im Mittelstand sollen nicht Rucola, Lachs und Weißwein bevorzugen, sondern Eisbergsalat, Rindfleisch und Bier, heißt es. So hat jedes Land seine Elitendebatte.

Auch Gewehre sind während der beiden heurigen Kampagnen zu sehen. Während sich amerikanische Spitzenkandidaten gerne mit Gewehr und Camouflage-Anzuge fotografieren lassen, will H.C. Strache davon nichts wissen. Seine mutmaßlichen Wehrsportübungen tut er als jugendliches Paintball-Spielen ab.

Anders die SPÖ. Die scheint sich sehr gerne am US-Wahlkampf zu orientieren.

Spitzenkandidat Werner Faymanns Motto “Die neue Wahl” lässt an Obamas “Change”-Motto denken. Man weiß zwar nicht genau, was damit gemeint ist, aber es hört sich recht gut an. Seit Sommeranfang propagiert auch Obamas Rivale John McCain den Wechsel. Und jetzt auch Faymann, der wie McCain betont, er sei unabhängig von seinem Amtsvorgänger.

Auf der Internet-Seite der Roten findet man “Schwarzsprechen,” ein Spiel bei dem man komische Aussagen liest und dann auswählt, welche von den ÖVP-Chefs Wilhelm Molterer und Wolfgang Schüssel gesagt worden sind (Motto. “Starte ins ultimative ÖVP-Versteh-Game und zeig' deine Black Power!“). Das ist zwar ein witziges Spiel, aber die Zitate bekommt man ohne vollständigen Zusammenhang serviert.

Solche Anlässe, sich über die andere politische Partei beziehungsweise ihre Anhänger lustig zu machen, werden zunehmend häufig angeboten in den USA, vor allem im Internet. Und das hat ganz sicher dazu beigetragen, dass das Land politisch sehr gespalten geworden ist. Leute mit einer anderen politischen Einstellung können wir uns zunehmend nur als lächerliche Karikaturen vorstellen.

Die Schmeichelei ist wohl schon seit jeher eine beliebte Wahlkampfstrategie, egal in welchem Land. Das ist mir vor ein paar Wochen aufgefallen als ich eine Fete der Industriellen Vereinigung besuchte. In einer 11-minutigen Rede dabei sagte ihnen VP-Kandidat Molterer: Ihr seid die wichtigsten Arbeitsgeber. „Sie sind die Menschen, die das Land tragen,“ so Molterer.

Rauschender Beifall, wie öfters bei Reden, die der US-Präsident Bush vor verschiedenen Wirtschaftskammern gehalten hat. So etwas hört man natürlich viel gerner als etwa einen Appell, eine neue Ordnungsbehörde zu errichten.

Zu dieser hat der Bundeskanzler Gusenbauer in einer etwas längeren Rede aufgerufen, und zwar zu einer internationalen Finanzbehörde, die eine Wiederholung der aktuellen Finanzkrise meiden soll. Es gab zwar weniger Applaus dabei. Am Geschwätz und klirrenden Biergläsern war aber zu hören, man konnte sich ganz schön amüsieren.

Im Vergleich zu der heurigen US-Wahl fehlt es in Österreich nur etwas an Skurrilitäten. Es gibt niemanden, der eine schwangere minderjährige Tochter hat wie Sarah Palin oder der vor einigen Jahren eng mit einem Linksradikalen befreundet gewesen ist wie Barack Obama. Schade, denn man kann sich ja über solche Themen lange unterhalten. Dass es Ablenkung war, merkt man ja erst nach der Wahl.